Taschenatlas Anatomie - Der Dreiteiler für den Seziersaal

Für gewöhnlich lernen Medizinstudenten Anatomie aus einem großen Telefonbuch gespickt mit allerlei informativen Texten und unterstützt von diversen Zeichnungen und Skizzen. Die MUW selbst empfiehlt nach dem Lippert-Desaster nun die neuste Auflage (nachdem jahrelang keine neue erschien) des Lehrbuchs/Atlas "Waldeyer". Für zu Hause ist so ein Wälzer ja noch akzeptabel, die Wenigsten haben aber die komplette Anatomie im Seziersaal im Kopf und benötigen etwas Tragbares für den Kurs. Das könnte zumindest der Gedanke vieler Studenten sein, bevor sie ihre ersten Klingen stumpf geschnitten haben.

In der Praxis läuft es letztendlich oft so ab, dass viele auf die nahezu vollständige Wikipedia-Anatomiedatenbank zurückgreifen, um für Lernkarteien oder Zusammenfassung zügig Ursprung, Ansatz, Funktion und Innervation herauszuschreiben. Das ist meist praktikabel und zielführend, aber nicht zufriedenstellend, da die passenden Zeichnungen und Erklärungen fehlen.

Mit der Lehrbuchreihe kann man den jeweils passenden Band des Taschenatlanten mit in den Seziersaal nehmen. Mit Post-Its beklebt, die benötigten Seiten aufgeschlagen, kann man sich so einen farblichen Überblick über die jeweilige Region (z.B. Regio axillaris) verschaffen. Das Kabelgewirr, das man dort vorfindet, überfordert die meisten trotz Vorbereitung heillos.

Wenn man nun völlig unvorbereitet zu seiner neuen Region erscheint und dann anfängt, im Buch zu blättern, wird man bald feststellen, dass man doch etwas Zeit in das Memorieren von Strukturen investieren hätte sollen. Die langen verschachtelten Sätze, die einen marginalen Einblick in die Welt der Anatomie gewähren, ergeben meist - und auch dann nicht immer - Sinn, wenn man sich schon ausreichend vorbereitet hat.

Die Skizzen und Grafiken sind hingegen sehr einprägsam und schaffen es ab und zu sogar besser als ein Prometheus oder Sobotta, die genaue Funktion eines Muskels oder die Lage eines Organs verständlich zu machen.

Der Aufbau der Lehrbuchreihe erinnert an das System des kleinen Silbernagls. Auf der linken Seite jeder Doppelseite findet man einen, mit Ziffern und Fachbegriffen zugepflasterten, in kleiner Schriftgröße verfassten Text. Auf der rechten Seite findet man farbige Skizzen vor, auf der zu jeder Struktur die passende Ziffer zum Text auf der linken Seite wiederzufinden ist. Der Wirrwarr an Text und Zahlen wird dadurch noch ein wenig unübersichtlicher, wenn man auf manchen Seiten über 50 Fachbegriffe in halb so vielen Sätzen wiederfindet, welche man alle einzeln im gegenüberliegenden Bild suchen muss, wo man vor lauter Zahlen beinahe keine Strukturen mehr erkennen kann.
Die einzelnen Kapitel sind farbig markiert, sodass man recht schnell zum gesuchten Ergebnis findet, vorausgesetzt man kann sich merken, dass z.B. die untere Extremität die Farbe violett hat.

Ist es nun das passende schnelle Nachschlagewerk um für wöchentlichen Überprüfungen durch den Tutor gewappnet zu sein? Das muss wohl jeder für sich beantworten. Das andauernde Ziffernsuchen im Text ist gewöhnungsbedürftig, aber wem das nichts ausmacht, wird damit beim Sezieren zum schnellen Nachschlagen das Auslangen finden. Mit großen Übersichtsskizzen können die Taschenbücher natürlich mithalten. Wer diese für’s Lernen und Sezieren benötigt, ist mit einem Atlanten besser bedient.

Teil 1 Bewegungsapparat

Im ersten Band wird der Bewegungsapparat des Menschen durchgekaut und ist damit im Wiener Curriculum für alle drei OM-Kurse relevant, während er in Innsbruck eine unentbehrliche Grundlage für den kleinen Sezierkurs im ersten Semester darstellt. Das letzte Kapitel im Buch, das sich mit der Topografie der Leitungsbahnen beschäftigt, ist hingegen erst im zweiten Sezierkurs relevant.

Teil 2 Innere Organe

Dieser Band beschäftigt sich mit den inneren Organen und ist für OM I (Thorax) und II (Abdomen) in Wien eine Hilfe, wenn es darum geht, die Organe des menschlichen Körpers genauer kennen zu lernen und zu benennen.

Innsbrucker Studenten nutzen Band zwei zum einen für die Vorbereitung auf die erste Diplomprüfung, da er strikt jenen Anatomieteil beinhaltet, welcher bei der SIP 1 relevant ist (Kein Wunder; ist doch die Autorin des Buches auch diejenige, die die SIP-Fragen erstellt). Zum anderen wird im großen Sezierkurs wieder damit gearbeitet, wenn es für das erste (Thorax) und zweite (Abdomen) Assessment gilt, die Organe in diesen Bereichen zu kennen.

Teil 3 Nervensystem und Sinnesorgane

Passend für OM III kann man, unterstützend zu den Fotografien der MUW, das ZNS gut wiederholen. Auch ist es ein praktisches Nachschlagewerk, wenn man in den ersten vier Sezierstunden von OM III so und so zum Zusehen verdammt ist oder der Tutor nicht alle Gyri im Kopf hat (ha ha ha).

In Innsbruck behandelt man die Neuroanatomie vor allem in den letzten beiden Assessments, in denen das Rückenmark und das Gehirn zusammen mit den peripheren Nerven und Hirnnerven abgeprüft werden. Band drei eignet sich für das Studium dieser Strukturen ganz eindeutig nicht, da die Neuroanatomie doch ausführlicher behandelt wird, als dieses Buch vermitteln kann. Trotzdem ist es zum Nachschlagen und Wiederholen ganz angenehm, vor allem in den letzten zwei Wochen des Kurses, in denen 5 Studenten mit stumpfen Pinzetten an zwei Gehirnen herumbasteln und den Anschein erwecken sollen, als wären sie beschäftigt.

AN/PS

Band 1 : Bewegungsapparat (Platzer)
Taschenbuch: 467 Seiten, Thieme Verlag, 10. Auflage
ISBN: 978-3134920109
UVP: 29,95 €

Band 2: Innere Organe (Fritsch/Kühnel)
Taschenbuch: 472 Seiten, Thieme Verlag, 10. Auflage
ISBN: 978-3134921106
UVP: 29,95 €

Band 3: Nervensystem und Sinnesorgane (Kahle/Frotscher)
Taschenbuch: 423 Seiten, Thieme Verlag, 10. Auflage
ISBN: 978-3134922103
UVP: 29,95 €

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