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Rezension – „Radiologen sind wichtige Leute im medizinischen Leben, schließlich muss der Porsche-Händler ja auch von etwas leben.“

Hihi hoho. So oder so ähnlich beginnen schlechte Radiologen-Witze. Diese sind jedoch – wie wir natürlich alle wissen – selten angebracht, denn Radiologen sind in der Klinik und außerhalb doch die beste Möglichkeit für eine gute und effiziente interdisziplinäre Zusammenarbeit. Da die Bildgebung in der Diagnostik und Therapie von medizinischen Leiden immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist es naturgemäß ein großer Vorteil, sich – egal in welchem Fach man sich betätigen möchte – mit den Grundzügen der Befundung auszukennen.

Der Titel „Radiologie: vom Fall zur Diagnose“ impliziert bereits eine praktische Aufarbeitung des Stoffgebiets anhand von Fallvignetten. Ohne Basics (z. B. wie erkenne ich bei Überlagerungen, welche Struktur weiter vorne/hinten ist?) gehts natürlich nicht, deshalb werden diese gut und kurz erklärt. Dann geht es auch schon los: je nach persönlichem Geschmack sieht man sich zuerst (wie vom Autor des Buches empfohlen) das bildgebende Material an (Rö/CT/MRT), um danach die gewonnenen Erkenntnisse mit der vorliegenden Anamnese in Einklang zu bringen oder eben umgekehrt.

Man verfolgt als über den Dingen stehender “Helfer” bzw. “Begleiter” die Abenteuer von Brain-PJlern, die natürlich jeden Furz ohne Mühe befunden können, von Station zu Station, die nach Körperregion aufgeteilt sind.

Das Schema des Buches funktioniert folgendermaßen: Anamnese – Bild – ganz viele differentialdiagnostische Bilder – Auflösung. Ärgerlich sind die vielen eingestreuten Bilder zwischen Anfang des Falles und der endgültigen Diagnose, weswegen man viel herumblättern muss, um Fallbild und Auflösung zu vergleichen. Förderlich wäre es gewesen, die Differentialdiagnosen erst nach der Auflösung zu bringen. Die meisten Bilder sind leider ausgesprochen klein geraten und manchmal ist nicht besonders viel zu erkennen. Dieser Umstand fällt besonders bei der Betrachtung von Wirbelsäulen-Röntgenbildern auf, wo man sich als in der Radiologie Unerfahrene/r oftmals fragt, welcher Wirbel denn jetzt überhaupt an welcher Stelle eine Pathologie aufweist. Abhilfe schaffen teilweise weiße und schwarze Pfeile, die jedoch absichtlich mit der Begründung “auch ein richtiger Radiologe hat keine Pfeile auf den Bildern” oft weggelassen wurden.

Referenzbilder von physiologischen Bildern sind leider zu wenig vorhanden bzw. sehr klein. Dies ist teilweise demotivierend, denn: wie soll man etwas Pathologisches erkennen, wenn man nicht weiß, wie es eigentlich im Gesunden aussehen sollte?

Fazit: Für an dem Fach interessierte Mediziner ein lockerer Einstieg, der die Grundzüge des radiologischen Daseins gut und vor allem anhand praktischer Beispiele vermittelt. Die (fiktiven) Hintergrundgeschichten der PJler stellen einen tlw. lustigen Bezug her und man fühlt sich am Ende fast wie ein Mitglied der verrückten Radiologen-Familie. Allerdings gibt es für die sehr große Dichte pro Fall, das gezwungene Herumblättern und die Miniaturbilder 1,5 Punkte Abzug. Trotz all dieser Abzüge ist dieses Buch noch immer eine empfehlenswerte Möglichkeit, sich locker und mit einigem Spaß mit dem Fach zu befassen.

3,5 von 5 Punkten

bildschirmfoto_2013-12-29_um_23.47.57_0Jörg W. Oestmann et al., 2. aktualisierte Auflage (2005)
44,99 €
Broschiert: 310 Seiten
Verlag: Thieme, Stuttgart
ISBN-13: 978-3131267528

PBF

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