pathphys

Rezension – Die Beschreibung dieses Buches erweist sich für mich als eine Herausforderung. Der erste Eindruck begann mit nahender Resignation, als mir der Postbote keuchend das Paket in die Hand drückte, das der arme Kerl in den vierten Stock hochschleppen musste und meine Arme bei der Übergabe in Richtung Boden zog, wie es durchaus auch ein mittelschwerer Amboss geschafft hätte.

Das Buch Pathophysiologie von Siegfried Schwarz (Professor für Pathophysiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck) ist ein “Allrounder”: Es richtet sich sowohl an Studenten als auch an Ärzte in allen Sparten der Medizin. Es ist sowohl als Nachschlagewerk geeignet als auch als Lehrbuch. Alle wichtigen im Buch vorkommenden Stichworte sind im hinteren Teil des Buches mit einer OMIM-Nummer versehen, wodurch sich das Werk sozusagen “automatisch” auf dem neuesten Stand hält. Die OMIM (Online Mendelian Inheritance in Man) ist eine Datenbank in der alle bekannten Gensequenzen und deren Mutationen erfasst sind. Außerdem werden Hinweise zu Symptomen, Erbgang und wissenschaftliche Publikationen gelistet.

Inhalt und Aufbau

Beim ersten Überfliegen des Buches fällt sehr rasch ins Auge, dass die Schrift sehr klein gehalten wurde und sich Seitenzahlen auf die einzelnen Kapitel beschränken (also bei jedem Kapitel wieder bei 1 beginnen), sodass meine normalerweise erste Aktion, nämlich die letzte Seite aufzuschlagen um zu sehen was mich erwartet, fehl schlug.

Neben dem sehr ausführlichen Text im Halbseitenformat findet man eine Vielzahl an Diagrammen mit tiefgreifenden Bildunterschriften. Sämtliche Diagramme sind in einem rosarotem Farbton gehalten. Der Text ist je nach Relevanz in unterschiedlichen Grautönen gehalten, was vom didaktischen Standpunkt zwar ein netter Zug ist, aber die Kombination von kleiner Schrift und hellgrau-auf-weiß ließ mich dann doch die lange Zeit eingestaubte Lesebrille aus meinem Schreibtischregal ziehen.

Ansonsten hält sich der Aufbau ähnlich an andere Büchern der Pathophysiologie, lediglich das zweite Kapitel “Signaling” habe ich bisher nur in diesem Werk gefunden. Nach einem einleitenden ersten Abschnitt und dem erwähnten Signaling-Kapitel werden nacheinander die wichtigsten Organsysteme sowohl fächerübergreifend als auch integrierend (ganz nach dem ursprünglichen Konzept der SIP) detailliert Krankheitsbilder und Symptomenkomplexe beschrieben.

Didaktik und Relevanz

Ich gestehe: Ich habe das Buch nicht bis zum Ende durchgelesen. Man möge mir diesen Fauxpas verzeihen. Angesichts der Komplexität der Themen, die mir die Tränen in die Augen trieb und der bald eingetreten Einsicht, dass es wenig Sinn macht, sich erst einen Monat vor der SIP mit diesem Werk von der gefühlten Stärke eines kompletten Wikipedia-Ausdrucks zu befassen, der in einer normalen Schriftgröße wohl mehrere tausend Seiten füllen würde, blieb mir nichts anderes übrig, als Prioritäten zu setzen und mich mit den Kapiteln zu befassen, welche auch von Professor Schwarz in der Vorlesung behandelt wurden.

Und diese Kapitel sind für das Verständnis der Pathophysiologie erste Sahne. Die Sprache ist einfach und verständlich gehalten. Man mag es nicht glauben, aber die Summe an “Aha-Effekten”, welche bei der Lektüre des Buches einen mit (nicht zu knappen) Vorkentnissen in Naturwissenschaftlichen Basisfächern bestückten Medizinstudenten überkommen, ermöglichen zumindest teilweise die Beantwortung der oftmals unmöglich erscheinenden Fragen, welche in der SIP an der MUI in diesem Fach gestellt werden.

Bei der Vidierung des Buches wurde allerdings nur halbherzige Arbet geleistet: In den “weniger relevanten” hellgrauen Sprachergüssen und in Bildunterschriften finden sich manchmal recht viele Tipp- und Rechtschreibfehler, bei welchen ich dem Verlag vielleicht hiermit doch recht gerne nahelegen würde, diese in einer eventuell folgenden zweiten Auflage aufzuspüren und zu beseitigen. Wobei ich aus meiner Stichprobe natürlich den Zufall nicht ausschließen kann, dass ich in den paar Absätzen alle Fehler gefunden habe, die es überhaupt in diesem Buch gibt.

Zum Thema Relevanz bleibt zu sagen: Der Wälzer ist ausführlich, genau und gut geschrieben – und zwar in jeder nur zu denkenden Hinsicht. Ein Medizinstudent, der sich neben der Vorlesung mit diesem Buch beschäftigt (und nicht wie ich erst einen Monat vor der Prüfung auf die Idee kommt, das Inhaltsverzeichnis zu überfliegen), der wird mit diesem komplexen Fach klarkommen wie kein anderer.

Preis und Fazit

Zugegebenermaßen habe ich das Buch noch nicht in sehr vielen Studentenhaushalten im Regal stehen sehen, was wohl am Preis liegen könnte. Knapp 70 Euro muss man dafür hinblättern. Relevant wird das Buch an der MUI im zweiten, vor allem aber dann im dritten Jahr. Ich war jedenfalls sehr froh, dass ich eine ausführliche Ergänzung zu den Folien hatte, die unser geschätzter Pathophysiologie-Professor uns zum Lernen zur Verfügung gestellt hat. Da sich außerdem das Werk in allen Ärztezimmern gefunden hat, welche ich im Laufe meiner Famulaturen die Ehre hatte zu besichtigen, scheint es einem ausgebildeten Arzt wohl ebenfalls eine gewisse Krücke im Berufsleben zu sein, weshalb man den Ankauf des Buches auch als Investition in die eigene Karriere betrachten kann.

700x500xfitGebundene Ausgabe: 1136 Seiten

Verlag: Maudrich; Auflage: 1. (November 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3851758609
ISBN-13: 978-3851758603
Größe: 30,4 x 22,4 x 5,4 cm
PS

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