Ein heilsamer Spitalsbesuch
Meine 87-jährige Oma hat ein neues Hobby für sich entdeckt. Sie lässt sich mittels Notfallsarmband, dass sie seit wenigen Jahren bei sich trägt, einen Krankentransport schicken. Für den monatlichen Sold an die Hilfsorganisation ihres Vertrauens ist dies auch fast schon ein notwendiger Schritt, um für das investierte Geld auch etwas zu erhalten. Als alleinstehende Person ist ein Transport ins Spital ein Tageserlebnis, von dem man noch wochenlang zehrt, würde sie es aufgrund ihrer komorbid-bedingten Demenz nicht wieder vergessen.
Mit der Einsamkeit steht sie nicht allein da. Im nebenberuflichen Brotberuf als Sanitäter trifft man in jedem Dienst auf sozial isolierte Persönlichkeiten mit den entsprechenden einhergehenden Erkrankungen. Das scheint zwar ein immer größer werdendes Problem in unserer Gesellschaft zu werden, wird von den Medien - ohne die bekanntlich wenig in unserer Gesellschaft ins Rollen kommt - jedoch kaum aufgegriffen und diskutiert.
Wenige Wochen nach dem letzten Spitalsaufenthalt, der im Vergleich zu den vorherigen neue Tatsachen (und somit eine bessere Medikamentation) ans Licht brachte, war nun der nächste Besuch in einer Krankenheilanstalt am Programm. Gott sei Dank ist ihre Bettnachbarin im Krankenzimmer eine Person, die man als hilfsbereit und aufmerksam bezeichnen kann. Das benötigt meine Oma am meisten. Wenn sogar der Fernseher, der eine bis vor wenigen Jahren elementare Tagesbeschäftigung für sie darstellte, nicht mehr im Mittelpunkt des täglichen Tagesablauf steht, dann muss man das Fortschreiten der Krankheit akzeptieren.
Es sind nicht die sich wiederholenden Gespräche, die einem wehtun, sondern das Mitansehen müssen, wie sich eine an Demenz leidende Person selbst am meisten darüber ärgert, sich nur noch wenig merken zu können und immer nachfragen zu müssen, was gestern passiert sein soll. Noch schlimmer wird der Druck, wenn man der Krankenschwester sagen soll, ob einem das Essen geschmeckt. Welches Essen denn? Ob sie schon Insulin gespritzt hat? Im Zweifel einfach „Ja“ sagen, das hat sie früher ja auch immer gewissenhaft gemacht.
Bevor sich der Besuch zum Ende neigte, betrat eine Krankenschwester den Raum und ich wurde Zeuge von Einfühlsamkeit, Engagement und Souveränität. Meine Oma, die das Wienerische und die dazugehörige Mentalität in allen seinen Facetten über viele Jahrzehnte inhaliert hat, wurde ganz still und kratzte ihre letzte Aufmerksamkeit zusammen. Mit viel Fingerspitzengefühl konnte die Schwester meine Oma davon überzeugen, heute mal mehr Tabletten als sonst zu schlucken (da zu Mittag eine ausgelassen wurde).
Zum Schluss meines Besuches erzählte uns die Bettnachbarin eine Anekdote aus ihrem Leben. In ihrer Karriere als Krankenpflegerin hielt sie einem psychisch kranken und bewusstlosen Patienten die Hand und erzählte ihm von ihrem bisherigen Tag. Trotz der Ansage des Arztes, sie solle sich lieber um andere Sachen kümmern, bei dem Patienten sei jede Ansprache nämlich sowieso sinnlos. Am nächsten Tag erholte sich der Patient und hörte die Stimme der Krankenpflegerin. Er rief nach ihr und bedankte sich bei ihr: „Es tat mir sehr gut!“
Da wusste ich wieder, woran ich mich in späteren Arztmomenten ab und zu erinnern sollte.
Männlicher Kommilitone im Semester Nummer 7, vor der SIP 4. Berichterstattung angefangen über das alltägliche Leben an der Universität und ihren Begleiterscheinungen, anhand von eigenen Erfahrungen. Unter dem Schutzmantel von scheinbarer Anonymität sarkastisch, überzogen, zynisch und manchmal auch ganz ernst.
Willkommen im Abenteuer Medizinstudium!
Titelbild: Gerd Altmann / pixelio.de
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Kommentare
Danke!
hey, ein für dich untypischer artikel, der denk ich aber perfekt platziert und echt gut ist!