Das Lehrbuch und ich

Nachdem der letzte Blog ja ganz schön viel Staub in der Gemeinschaft der Medizinstudenten aufgewirbelt hat, behandeln wir dieses Mal lieber ein konfliktfreieres Thema, um unser aller Nerven zu schonen. Besinnen wir uns auf das, was des Medizinstudents allertäglich Brot ist. Ob zu Hause, auf der Uni oder in einem Lesesaal – die meiste Zeit verbringen wir doch alle vor einem schönen dicken, mit vielen Buchstaben versehenen Buch, garniert mit ausgewählten Fotografien und Tabellen.

Doch wie benutzen die meisten von uns ein Lehrbuch? Gibt es Unterschiede? Welcher neonfarbene Marker wird am meisten benutzt? Oder gibt es tatsächlich Studenten, die gar nicht unterstreichen? Eine Hommage an das Lernen und seine Studenten.

Bleiben wir gleich beim Unterstreichen: Aufmerksam und mit viel Liebe zum Detail wird mit neonfarbenem Leuchtstift – subjektiv betrachtet - ungefähr jeder zweite Satz unterstrichen. Wird mal ein Absatz nicht verstanden, so unterstreicht man zumindest mal die Überschrift, denn die ist in den meisten Fällen SIP-relevant.
Hat man das erledigt, sollte man auf jeden Fall auch kontrollieren, wie viele Seiten man noch bis zum nächsten großen Kapitel vor sich hat. Man möchte ja keine bösen Überraschungen erleben und noch morgen da sitzen, weil man das Kapitel nicht fertig ausgemalt.. pardon, fertig gelesen hat. Macht der Absatz auch nach dem dritten Mal Durchlesen keinen Sinn, sollte man sich einfach mal zurücklehnen - sofern man nicht eh schon gemütlich im Bett zu Hause liegt - und einen Schluck trinken, wahlweise Automatenkaffee, 50 Cent Energydrink, den „angeblichen Gesundheitsdrink aus der Werbung“ oder schlicht und einfach Wasser. Dabei merkt man dann auch meistens, dass eigentlich der Magen knurrt. Kein Wunder, dass da nichts weitergeht: das Gehirn braucht Glucose, haben wir schon im ersten Semester gelernt! Und damit weitergelernt werden kann, muss Gehirn- und vor allem Nervennahrung herbei geschafft werden.

Nachdem man dies und jenes verputzt hat, kann man sich gleich viel besser auf die Arbeit konzentrieren. Aber Moment! Wie viele Seiten waren es jetzt noch mal bis zum nächsten Kapitel? Besser noch einmal nachzählen! Noch immer nicht weniger geworden... Na gut, was soll's, aber zumindest ist die Überschrift schon markiert, man weiß ja nie. Da fällt einem doch glatt ein, dass das nächste Praktikum schon vor der Tür steht. Wann ist denn das noch mal genau? Am besten schnell nachschauen, vielleicht fängt es ja schon in einer Stunde an. Doch siehe da, der Kalender verrät: kein Praktikum in den nächsten Stunden. Jetzt steht dem Lernen ja wirklich nichts mehr im Wege! Wenn da nicht noch dieses Facebook wäre. Man möchte seine Mitmenschen doch daran teilhaben lassen, dass man gerade etwas total Interessantes und Spannendes dazu gelernt hat. Und den anderen so nebenbei ein bisschen ein schlechtes Gewissen verpassen, weil sie nicht selbst strebsam vor den Büchern sitzen. Wenn schon das Lernen keinen Spaß macht, dann zumindest das! Und wenn nicht sofort jemand den „Gefällt mir“-Button anklickt, tu ich es selbst!

Es scheint zwecklos, alles ist interessanter als das Buch oder Skript, das noch immer vor einem liegt. Der Kalender ist auf dem neusten Stand, die Einkaufsliste zusammengeschrieben und alle Freunde stehen mit einem per SMS in Kontakt („Sitz im Lesesaal, was machst du?“ - „Ich sitz neben dir, du Idiot!“). Es nützt nichts, das Buch will gelesen werden. Sofern man in einem öffentlich Bereich lernt, könnte man an dieser Stelle, anstatt zu lernen, noch Leute beobachten und ihnen dabei zusehen, wie sie krampfhaft versuchen, trotz drei leer getrunkener Diskontmarkt-Energydrinkdosen und einem vom Kaffeeautomaten zubereiteten Mocca nicht vor ihrem Lehrbuch einzudösen. Was für eine Unterhaltung! Kaum haben es sich so manche Studenten an einem Platz bequem gemacht, kommt die Müdigkeit. Hat bei den müden Studenten die Müdigkeit über den Willen, nicht einzuschlafen (was einen enormen Kraftakt  darstellt, aber leider doch meistens nicht nützt), gewonnen, wird auch schon das (hoffentlich nicht entliehene) Lehrbuch angesabbert. Andere wiederum schaffen es zumindest, im Sitzen einzuschlafen und so in aufrechter Haltung wenigstens den Eindruck zu wahren, noch am Lernen zu sein.

Es soll ja sogar Menschen unter uns geben, die sich nur wegen der teilweisen obskuren Freakshow in den Lernräumen einfinden. Man trifft oft auf illustre Persönlichkeiten an solchen Orten. Leute mit Perücken, die auf anderen besetzten Plätzen nach dem Rechten sehen oder so genannte Hardcore-Studenten, die man zu jeder Tages- und Nachtzeit im Lesesaal trifft. Auch gerne beobachtet werden jene Zeitgenoßen, sie es sich auf ihren Plätzen so richtig gemütlich machen. Die einen holen von der Handcreme bis zum Jausenbrot, vom Mineralwasser bis zum Koffeinspender alles mögliche aus ihren Taschen hervor, um für die nächsten Stunden gerüstet zu sein. Andere wiederum dekorieren lieber ihren Platz mit Zeitungspapier aus -  böse Zunge behaupten sogar, damit sie sich wie zu Hause fühlen. Wiederum andere schätzen einfach das familäre Ambiente.
Wie auch immer das Lernen seinen Lauf nimmt, es bleibt ein Erlebnis, egal wo, mit wem oder weshalb.

Alex
Männlicher Kommilitone im Semester Nummer 3, frisch nach der SIP 1. Durch den Zivildienst das Interesse zur Medizin entdeckt, EMS bestanden und an der MUW inskribiert. Berichterstattung angefangen über das alltägliche Leben an der Universität und ihren Begleiterscheinungen, anhand von eigenen Erfahrungen und Erfahrungsberichten von Kommilitonen. Gewohnt sarkastisch, überzogen, zynisch und manchmal auch ganz ernst.
Willkommen im Abenteuer Medizinstudium.

Kommentare

milchspender87 User offline. Last seen 7 Stunden 40 Minuten ago.
Medizinstudent
2. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Wohnort: Wien
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 31

wie wahr wie wahr... sehr treffend!!
danke für die unterhaltsamen zeilen Smile

Nechi User offline. Last seen 3 Wochen 4 Tage ago.
Medizinstudent
1. Abschnitt Zahnmedizin
Beigetreten: 28.09.2009
Beiträge: 2

Haha Laughing out loud, sehr netter Bericht! Habe mich an der einen oder anderen Stelle sehr damit identifizieren können Smile und daher auch durchwegs zum Lachen gebracht!
 
Liebe Grüße
Nechi

Der_Mann User offline. Last seen 1 Tag 12 Stunden ago.
Medizinstudent
3. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 152
Gruppen: Keine

" Sitz im Lesesaal, was machst du?“ - „Ich sitz neben dir, du Idiot!“
 
Hehe...

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